Sattheit
Vielen Menschen fällt der Umgang mit dem Essen schwer. Ernährungsratgeber und Essstörungen zeugen davon. Wer sein Essverhalten erforschen will, muss sich fragen: Was bedeutet Essen für mich? Esse ich manchmal als Ersatz für andere Bedürfnisse?
Essen soll nicht nur satt, sondern auch zufrieden machen. Längst nicht alle erreichen das: Über 600 Millionen leiden an schwerem Übergewicht – fast gleich viele wie an Hunger. Schuld daran ist oft nicht Überfluss, sondern Armut. Denn Armut führt nicht nur zu Hunger, sondern häufig auch zu Fehlernährung und krankhaftem Übergewicht.

Überessen
Das Völlegefühl nach einem Festessen kennen viele. Zu spät haben wir gemerkt, dass wir schon satt sind. Der Magensack kann sich auf das Zwanzigfache ausdehnen. Das allein zeigt aber noch nicht an, dass wir satt sind. Wenn Nahrung im Magen liegt, bilden sich Hormone. Sie steuern die Verarbeitung der Nährstoffe im Blut. Bis dieser Vorgang läuft, dauert es zwanzig Minuten. Erst dann spüren wir, dass wir satt sind. Anders als die Hungersignale nehmen wir jene der Sättigung eher schwach war. Doch es ist gefährlich, Sattheit zu missachten. Gelangt zu schnell viel Essen in den Magen, erbricht er es. Im schlimmsten Fall kann der Magen platzen. Auch übermässiges Wassertrinken ist schädlich: Werden die Zellen regelrecht mit Wasser geschwemmt, entsteht eine Wasservergiftung. Sie kann tödlich enden.
Übergewicht und Fettleibigkeit
Obwohl genug Essen da wäre, hungern viele. Und andere leiden an starkem Übergewicht. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Zahl fettleibiger Menschen verdreifacht. Wo Armut herrscht, kämpfen viele gegen Unterernährung, andere jedoch gegen Übergewicht. Beides sind Formen von Mangelernährung, die manchmal im gleichen Haushalt vorkommen. Menschen mit einem BMI über 25 gelten als übergewichtig, mit einem BMI über 30 als fettleibig. 2016 waren mehr als 1,9 Milliarden übergewichtig, davon waren über 650 Millionen fettleibig. Fettleibigkeit ist immer ungesund. Sie verursacht oder verstärkt Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, einige Formen von Krebs sowie Gelenkschäden. Übergewicht hingegen muss nicht schädlich sein. Denn der BMI sagt nichts aus über die Anteile von Fett und Muskeln im Körper.
Versteckter Zucker
Dass Übergewicht seit ein paar Jahrzehnten stark zunimmt, liegt zu einem guten Teil an einer veränderten Ernährung. Industriell gefertigte Produkte wie Frühstücksflocken, Brötchen oder Fertigmenüs enthalten zusätzlich Zucker, um den Geschmack zu verstärken. In den 1970er Jahren galt fettarme Ernährung als gesund. Die Lebensmittelindustrie ersetzte Fett durch Zucker als Geschmacksträger. Häufig kam Kornsirup zum Einsatz, der bei grösserer Süsskraft billiger ist als Zucker. Doch ein steter und zu hoher Zuckerkonsum überfordert den Stoffwechsel. Zucker erhöht das Insulin im Blut und kurbelt die Fettbildung in der Leber an. Langfristig erkennt der Körper Insulin nicht mehr und kann den Blutzuckerspiegel schlecht steuern.
Verfügbarkeit und Preise
Gesund ernähren kann sich nur, wer auch gute Lebensmittel kaufen kann. Arme Stadtteile gleichen oft Food Deserts – Nahrungswüsten: Billigshops und Fastfood-Buden säumen die Strassen – Märkte oder Gemüsehändler gibt es keine. Ausgewogene Ernährung ist überall auf der Welt teuer. Im Schnitt kostet ein energiereiches Menü 0.80 Dollar, ein nährstoffreiches 2.30 Dollar und eine gesunde Mahlzeit 3.75 Dollar. Ein Mindestlohn von 1.90 Dollar am Tag reicht nirgends für eine gesunde Ernährung.
Lebensmittelverschwendung
Jedes dritte Nahrungsmittel geht zwischen Feld und Teller verloren, entweder unbeabsichtigt (Food Loss) oder durch Verschwendung (Food Waste). In der Schweiz landen pro Jahr 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das macht pro Kopf 330 Kilogramm. In reichen Ländern verschwenden die Haushalte die meisten Lebensmittel. In ärmeren Gegenden geht zu viel Nahrung zwischen Ernte und Konsumierung verloren. Die Verschwendung von einem Drittel aller Lebensmittel ist skandalös, solang 690 Millionen Menschen hungern. Deshalb müssen wir Food Waste überall in der Nahrungskette verhindern: Gemüse, das nicht nach Norm gewachsen ist, schmeckt trotzdem. Auch Nebenprodukte wie Molke oder Innereien lassen sich verwerten. Nur weil eine Verpackung beschädigt ist oder das Verkaufsdatum überschritten, ist ein Lebensmittel noch lange nicht ungeniessbar. Das Essen von Resten und kluge Planung vermeiden Food Waste daheim.
Märchen
In Märchen gibt es Nahrung im Überfluss: Hänsel und Gretel knabbern am Lebkuchenhaus und ein Topf kocht unaufhörlich süssen Brei. Diese Märchen widerspiegeln Wünsche der Bevölkerung. Die Gedanken von Hungernden kreisen immerfort ums Essen. Sie flossen in Märchen ein – Geschichten, die sich früher Erwachsene erzählten. Im 19. Jahrhundert begannen die Brüder Grimm, Märchen zu sammeln und aufzuschreiben. Sie kannten den Hunger gut. Die wohlhabende Familie geriet nach dem frühen Tod des Vaters in Not. Als Kinder mussten sich die beiden Brüder morgens mit einer Tasse Kaffee begnügen. Essen gab es erst abends um fünf.
