Hungergarten
Die sechs Kübeln vor dem Museumseinganz sind bepflanzt mit Hirse, Mais, Reis, essbaren Wildpflanzen, Steckrüben, Schnittblumen und Süsskartoffeln. Wir zeigen, was wir in der Schweiz essen könnten, wenn es nicht mehr für alle reicht. Und wir zeigen, was früher gegessen wurde, wenn es nichts mehr gab.

Notnahrung: Wenn der Hunger übermächtig ist
Sobald die Vorratskammern leer waren, es in den Geschäften keine Nahrungsmittel mehr zu kaufen gab oder sie schlicht unerschwinglich geworden waren, suchten die Menschen verzweifelt nach Essbarem. Hungernde sammelten Pflanzen von Wald und Wiese.
Sie kochten Heu, Gras und Laub, backten Notbrote aus Stroh, Asche oder Lehm und versuchten sich an Blumenzwiebeln oder Pferdemist. Schnecken, Hunde, Katzen und Ratten kamen auf den Tisch. Selbst vor Leichnamen vom Galgen und vor Tierkadavern schreckten die Menschen nicht zurück.
Viele überlebten die Zeiten des Hungers nicht. Als vor hundert Jahren in Russland Hungersnot herrschte, empfahl die Regierung, sich möglichst wenig zu bewegen – um Energie zu sparen. In Deutschland hiess es 1916, man solle jeden Bissen 83 Mal kauen. Aber damit liess sich der Hunger nicht besiegen.
Gras essen
In Hungerzeiten assen die Menschen in ihrer Not Gras. Aber Gras kann unser Magen nicht verdauen. Anders als Kräuter wie Sauerampfer, Brennnesseln oder Bärlauch enthält Gras viel Zellulose. Die Zuckermoleküle der Zellulose sind so verbunden, dass unsere Verdauung sie nicht aufschlüsseln kann. Nur Wiederkäuer wie Kühe, Schafe oder Ziegen können dieses Pflanzengerüst mit Hilfe von speziellen Bakterien zersetzen. Menschen bekommen heftige Bauchschmerzen, wenn sie Gras essen.
Überleben mit Wildpflanzen?
Während Hungersnöten schickten Eltern ihre Kinder auf Wiesen und in Wälder, um Wildpflanzen zu sammeln. Auch wer die essbaren Kräuter und die Pilze kannte, war vor dem Hungertod nicht sicher. Denn von Blättern, Beeren und Wurzeln allein kann der Mensch nicht leben. Wildpflanzen liefern uns nicht zu jeder Jahreszeit genug Kohlenhydrate, Eiweisse und Fette. Wir Menschen müssten unsere Nahrung über Generationen in der Natur suchen, damit wir wüssten, wann und wo wir bestimmte Pflanzen sammeln und Wurzeln ausgraben können. Wir müssten nomadisch leben, um unseren Nährstoffbedarf allein mit Wildpflanzen zu decken.
Essen aus dem Müll
Wenn Scharen von Hungernden in stinkenden Abfallhaufen nach Nahrungsresten wühlten, herrschte Hungersnot. Gefundene Rüstabfälle verzehrten sie sofort, Knochen nahmen sie heim, um sie auszukochen und dann mit ihren Zähnen zu zermalmen. Unsere Überflussgesellschaft offenbart heute ihre Armut, wenn Menschen ihr Essen aus Mülleimern und Containern beschaffen müssen. Lebensmittel, die niemand gekauft hat, dürfen nicht im Abfall landen, sondern sollten Bedürftigen zukommen. In Städten verteilen zivile Organisationen übrig gebliebene Esswaren oder kochen Mahlzeiten daraus.
Steckrüben am Morgen, am Mittag und am Abend
Im Winter 1917, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, brach in Deutschland eine Hungersnot aus. Die Ernte war schlecht ausgefallen, die Kriegslage machte es unmöglich, Nahrungsmittel einzuführen, und die Regierung wirtschaftete schlecht. Viele Menschen assen nur noch Steckrüben. Es gab Steckrübensuppe, Steckrübenauflauf, Steckrübenkuchen, Steckrübenkotelett, Steckrübenpudding und sogar Steckrübenkaffee. Trotzdem hungerten die Menschen.
Hungerbrote
Das tägliche Brot machte die Menschen satt. Wenn Getreide rar war, brach Hunger aus. In der Not streckten die Menschen den Brotteig mit ungeniessbaren Zutaten: Sie gaben dem Mehl Lehm zu, den sie für fetthaltig und nahrhaft hielten. Viele starben an diesem Lehmbrot, denn Lehm bleibt unverdaut im Magen oder Darm liegen. Manche streckten das Brotmehl mit Baumrinde, Stroh, Moos oder Knochenmehl – lauter unverdaubare Zutaten. Gemahlene Eicheln, Bucheckern oder Kleie hingegen waren ein harmloser Ersatz für Getreide.
Tulpenzwiebeln
Holland ist bekannt für seine riesigen Tulpenfelder. 1944, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, verhängte Deutschland eine Nahrungsmittelblockade gegen die Niederlande. Holland geriet darauf in eine extreme Notlage. Die Regierung rief dazu auf, Tulpenzwiebeln zu verzehren. Tulpenzwiebeln gab es in rauen Mengen, denn ihr Export war während des Kriegs zum Erliegen gekommen. Ein paar wenige Tulpenzwiebeln sind unbedenklich, aber grosse Mengen davon verursachen Bauchschmerzen und Erbrechen. Längst nicht alle Blumenzwiebeln sind essbar: An Hyazinthen- und Narzissenzwiebeln sind schon Menschen gestorben.
